Schwarzstorch

Der Schwarzstorch im Harz

Ein bebilderter Bericht über die Brutsaison 2013 bei einem der eindrucksvollsten saisonalen Bewohner unserer heimischen Wälder, dem seltenen und scheuen Schwarzstorch.

Einführung

Der Schwarzstorch (Ciconia nigra), im Umgangssprachlichen auch Waldstorch genannt, ist ein Vertreter aus der Ordnung der Schreitvögel und der Familie der Störche. Ausgewachsene Tiere erreichen eine Länge von ca. 1 Meter und eine Flügelspannweite von bis zu 2 Metern. Im Vergleich mit seinem wesentlich bekannteren Verwanden, dem Weißstorch, ist er damit etwas kleiner. Das Gefieder ist, bis auf die weiße Färbung an Unterbauch mit Flügelansatz und den Deckfedern der Schwanzunterseite, glänzend schwarz. Je nach Lichteinfall schillert das Gefieder grünlich bis metallisch blau. Die Beine und der Schnabel sind leuchtend rot gefärbt. Der Schwarzstorch benötigt für seine Brut lichte, hohe Baumbestände in Erreichbarkeit von ruhigen Bach- oder Flussläufen und Gewässern. Absolute Voraussetzung für eine erfolgreiche Brut und Aufzucht ist ein störungsfreier Standort des Horstbaumes. Ist diese nicht gegeben, kann die Brut abgebrochen werden und der Bereich wird auch in Zukunft gemieden. Aus diesem Grund habe ich meine Beobachtungen geheim durchgeführt und auf maximal einen Besuch pro Woche beschränkt.

Die Ankunft der Schwarzstörche

Die Auswahl des Horstbaumes muss ich als strategische Meisterleistung bezeichnen. Ein Zufall hatte mich in dieses Waldstück geführt und ein Mäusebussard meinen Blick nach oben gelenkt. Sonst hätte ich den Horst in 20 Metern Höhe selbst an diesem späten Herbsttag 2012, als das meiste Laub schon von den Bäumen war, nicht entdeckt. Eine Zuordnung zu den Störchen kam mir dabei jedoch nicht in den Sinn. Ich machte ein paar Bilder von dem Baum, ohne eine weitere Beobachtung zu planen. Am 20. April 2013 war ich wieder in dieser Gegend und machte einen Abstecher zu dieser Stelle. Zu meiner großen Überraschung und Freude war ein Schwarzstorch im Horst.  Da ich nicht vorbereitet war,  zog ich mich mit einem Foto aus sicherer Entfernung fürs erste wieder zurück. Beim Begutachten der Aufnahme stellte ich starke Verschmutzungen der Horstränder und des Baumes mit Kot fest.
Die Störche mussten schon einige Tage vor Ort und bei der Paarung sein. Mit etwas mehr Brennweite konnte ich am 25. April wieder aus sicherer Entfernung meine erste Aufnahme eines brütenden Schwarzstorches machen. Einen geeigneten Standort für die weitere Beobachtung konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht finden, da ohne Laub an den Bäumen kein unbemerktes Herankommen möglich war. Um es nochmals deutlich zu sagen: ein voreiliger, unbedachter Schritt gefährdet die erfolgreiche Brut und den Nachwuchs der seltenen Tiere!

Die Brutzeit

Den Zeitpunkt der Eiablage konnte ich auf die Zeit zwischen dem 20. und 25. April festlegen. Am 6. Mai, die ersten Blätter waren an den Bäumen, wagte ich mich ein paar Meter näher an den Horst heran. Im Nest war von meinem Standpunkt aus kein Vogel zu erkennen. Nach einiger Wartezeit flog ein Storch an, landete kurz und hatte mich sofort entdeckt.

Trotz fast reglosem Verharren war mein Versteck nicht optimal. Ich zog mich zurück und wurde auf dem Rückweg aus der Luft beobachtet. Dabei fiel mir auf, dass die Gegenlichtblende vom Objektiv das Sonnenlicht reflektierte. Also Tarnung verbessern. Am 17. Mai wählte ich einen neuen Beobachtungspunkt. Das Weibchen brütete im Nest und nach einer halben Stunde kam das Männchen zur Ablösung. Dabei wartete es am Horstrand bis sich das Weibchen erhob, um kurz darauf abzufliegen. Der Wechsel dauerte zirka eine Minute. Der Wind trieb leider in dieser Zeit Zweige ins Sichtfeld, aber ich blieb unbemerkt.

Zur Unterscheidung: der rote Bereich um die Augen ist bei diesem Männchen ovaler ausgeprägt und der Schnabel im vorderen Bereich leicht nach oben gewölbt. Auch konnte ich im Lauf der Beobachtungen  feststellen, dass sich das Weibchen aufmerksamer und misstrauischer am Nest verhielt.

Am 28. Mai konnte ich wieder eine Brutablösung durch das Männchen beobachten. Ich hatte den Eindruck, dass die Tiere sich etwas ausgeglichener verhielten. Der Regen und Sturm der nächsten Tage beunruhigte mich, da der Termin des Schlüpfens der Jungstörche bevorstand. Als ich am 5. Juni wieder vor Ort war, hatten die Schwarzstörche das stürmische Wochenende gut überstanden. Die Ablösung erfolgte wie immer zügig, jedoch hatte es das Männchen nicht sonderlich eilig sich im Nest zu setzen. Bei der Vergrößerung der Bilder erkannte ich, dass zumindest ein junger Storch geschlüpft war.  Somit ergibt sich eine Brutzeit von ca. 40 Tagen.

Die Zeit der Aufzucht

Bei einem Kurzbesuch am 12. Juni sah ich nur das Weibchen im Horst. Der 15. Juni brachte dann die Gewissheit, es war ein munterer Jungstorch geschlüpft. Wieviele Eier letztendlich im Gelege waren, ließ sich nicht feststellen, da ich den Waldboden unter dem Nest nicht auf tote Tiere und Schalenreste untersuchen konnte. Bei meiner Ankunft wartete ich, bis das Weibchen abgeflogen war. Das Junge war alleine im Horst, das Männchen besetzte unterschiedliche Bäume im Umkreis. Die Zeitintervalle zwischen den Brutwechseln waren 2 bis 3 Stunden lang, während die Flüge zur Fütterung jetzt bis zu 6 Stunden dauerten.

Der nächste Besuch am Nachmittag des 22. Juni brachte mir wertvolle Erkenntnisse. Der Jungstorch wurde nicht mehr bewacht und konnte schon einige Zeit stehen. Neugierig und ohne Scheu schaute er zwischen längeren Ruhepausen über den Nestrand. Ich nutzte diese Gelegenheit, um ein Stück weiter an den Horst heran zu kommen. Das Tier ließ sich dabei von mir nicht stören. So konnte ich ein Versteck erreichen, welches für die weitere Beobachtung bestens geeignet war. Nach 4 Stunden kam das Weibchen zur langersehnten Fütterung.

Am 30. Juni musste ich nicht lange warten. Ich versicherte mich, dass das Jungtier alleine war um zu meinem Versteck zu kommen. Pünktlich zur Mittagszeit kam das Schwarzstorch-Männchen zur Fütterung. Während sich das Weibchen erst gründlich umschaute, war hier nach 3 Minuten alles erledigt. Dies war auch das letzte Mal, dass ich das Männchen am Horst sah. Diese Feststellung ist jedoch ohne Aussagekraft, da ich ja nur einmal pro Woche beobachtete.

Der junge Storch hatte am 7. Juli schon eine beachtliche Größe erreicht. Bei der Beobchtung am Nachmittag flog das Weibchen einen Ast unterhalb des Horstes an. Ich richtete vorsichtig die Kamera darauf aus und konnte einige Bilder machen. Plötzlich stieg der Storch zum Nest auf, würgte das Futter aus und verschwand zwischen den Bäumen.

Am Mittag des 13. Juli war der Ablauf ähnlich. Doch diesmal wurde, wenn man von den wilden Flügelschlägen des jungen Storches absah, in Ruhe gefüttert. Es gab ja auch frischen Fisch. Anhand der Flügel erkannte man gut, wie schnell der Jungvogel gewachsen war. Ehe das Weibchen an diesem Tag zum Horst hoch flog, machte es sich mit hell klingenden Pfeiftönen bemerkbar. Die Laute des jungen Schwarzstorches, wenn die Ankunft eines Elterntieres bevorstand, waren ein aufgeregtes Kreischen.

Eine Woche später, am 19. Juli,  hatte ich wohl die Fütterung zur Mittagszeit verpasst. Ich machte ein paar Bilder vom Nachwuchs, wartete noch 2 Stunden, um dann am 24. Juli wieder vorbei zu schauen. Kurz vor Mittag landete das Storchen-Weibchen auf dem Ast unterhalb des Nestes. In etwa 2 Kilometer Entfernung wurden Bäume gefällt. Der Storch schaute eine ganze Weile sichtlich erregt in diese Richtung, lief auf dem Ast hin und her, um doch wieder abzufliegen. Danach brach auch ich meine Beobachtung für diesen Tag ab. Am 31. Juli, 102 Tage waren seit dem ersten Kontakt vergangen, war ich ab 15.00 Uhr am Horst. Ich wählte diese Zeit wegen der besseren Lichtverhältnisse, doch an diesem Nachmittag ließ sich keines der Alttiere sehen. Um 20.30 Uhr trat ich den Rückweg an.

Am Vormittag des 5. August beobachtete ich eine Fütterung ohne Besonderheiten. Da die Nestlingszeit bald vorüber sein musste, beschloss ich für den folgenden Tag eine erneute Beobachtung. Das war eine glückliche Entscheidung: Bei meinem Eintreffen kurz nach neun Uhr saß der junge Storch auf einem Ast unterhalb des Horstes. Er verhielt sich eine ganze Weile etwas ratlos, um dann einen Flug von etwa 10 Metern zu starten. Die Landung auf einem dünneren Ast klappte erstaunlich gut. Danach ging es zurück zum Ausgangsast. Nach einer längeren Pause wurden die Kurzflüge häufiger. Kurz vor Mittag kam das Weibchen und schaute dem Treiben eine Weile zu. Sie flog dann zum Nest hoch, um Futter auszuwürgen und verließ uns kurz darauf. Ich hätte noch lange zuschauen können, machte mich aber mit einer schönen Erfahrung auf den Heimweg. Es wäre zu hoffen, dass den Schwarzstörchen der nötige Platz und die Ruhe zum Leben in unserer Umwelt bleibt.

Dieser Erlebnisbericht erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Bitte beachten Sie, dass dieses Bild- und Textmaterial auch ohne besondere Kennzeichnung dem Urheberrecht unterliegt. Jede weitere Verwendung bedarf meiner ausdrücklichen Zustimmung.

Norman Gebhardt

Pflanzen, Tiere und Landschaften - Freizeiterlebnis Fotografie bei mini-wolf